Katholische Kirche in Cottbus

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Pfarrbrief Mai

Diözesanrat - Positionspapier zur Sterbebegleitung

Diözesanrat der Katholiken im Bistum Görlitz

Positionspapier zur Sterbebegleitung

beschlossen auf der Vollversammlung am 07. November 2015 in Cottbus

I.  Grundsätzliches

Aus Sorge um die Würde des Menschen setzen sich Christen dafür ein, dass Sterbende mitfühlend betreut werden und sie die bestmögliche Pflege erhalten. Sie tun dies aus der Überzeugung, dass Gott den Menschen als sein Abbild geschaffen hat und deshalb die menschliche Würde nicht aus dem Nutzen des Menschen für andere, sondern aus dem unbedingten „ja“ Gottes zu den Menschen begründet wird. Deshalb soll der Mensch über Anfang und Ende des Lebens nicht verfügen.

In der Gesellschaft und im Deutschen Bundestag wurde viele Monate intensiv über das Thema Sterbehilfe diskutiert. Der Begriff Sterbehilfe kann schnell missverstanden werden. Wer Familienmitgliedern oder Bekannten im Sterben zur Seite steht und sie durch seine Nähe begleitet, hilft diesen Menschen. Die meisten Menschen wünschen sich eine solche Unterstützung und sind dafür dankbar. Sterbebegleitung ist hierfür der passendere Begriff.

In der Diskussion wird zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe unterschieden. Die aktive Sterbehilfe ist die gezielte Herbeiführung des Todes durch eine andere Person. Geschieht dies auf Wunsch des Sterbenden, spricht man von Tötung auf Verlangen. Aus christlicher Sicht ist diese Form der Sterbehilfe nicht vertretbar. Sie ist in Deutschland strafbar. Als passive Sterbehilfe bezeichnet man den Verzicht oder die Reduzierung lebensverlängernder Maßnahmen. Hier steht für den Sterbenden nicht mehr die heilende Therapie, sondern die Behandlung von Symptomen im Vordergrund. Dies ist aus christlicher Sicht ethisch und rechtlich zulässig, wenn es dem Patientenwillen entspricht.

Im Mittelpunkt der politischen Diskussion stand insbesondere der assistierte Suizid, der auch als Beihilfe zur Selbsttötung bezeichnet wird. Hierunter versteht man eine Situation, in der der Betroffene sich selbst tötet, dazu aber die Hilfe Dritter, z.B. durch die Beschaffung der tödlichen Medikamente, erhält. Diese Beihilfe zur Selbsttötung war in Deutschland nicht strafbar.

Die Abgeordneten im deutschen Bundestag standen vor der Frage, ob und wie dieser Bereich des assistierten Suizids rechtlich geregelt werden soll. Aus christlicher Sicht ist diese Form der Unterstützung der Selbsttötung abzulehnen, weil sie im Widerspruch zum Schutz des Lebens steht. Viele befürchteten, dass durch eine Legalisierung des assistierten Suizids Sterbende unter einen Erwartungsdruck gesetzt werden, gegen den sie sich nicht mehr wehren können und der dazu führen kann, dass die Entscheidung für einen Suizid fremdbestimmt wird.

Neben dem Ringen um diese ethischen Fragen beschäftigte sich der Bundestag mit Maßnahmen zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland. Hier wurden rechtliche und finanzielle Maßnahmen beschlossen, die die pflegerische und medizinische Betreuung und Behandlung der Sterbenden verbessern sollen. Diese zielen darauf, ein Sterben in Würde und mit möglichst wenig Schmerzen zu ermöglichen.

II.              Gedanken aus christlicher Sicht zum eigenen Sterben und zum Umgang mit Sterbenden

Die Diskussion um das Thema „Sterbehilfe“ wird in Deutschland so emotional und kontrovers diskutiert wie wenige andere Themen bisher. Schon die Frage, was mit dem Begriff „Sterbehilfe“ gemeint ist, zeigt, wie auf unterschiedlichen Ebenen Begrifflichkeiten, Annahmen und Interpretationen anders verstanden werden.

Die Themen „Sterben, Tod und Trauer“ versuchen wir in unserem Leben auszugrenzen und erst wenn es uns selbst betrifft oder wir im nahen Verwandten – und Freundeskreis diese Erfahrungen machen, überraschen uns oft ungeahnte Gefühle. Aus diesem Grund können wir dankbar sein für die jetzige Diskussion in unserem Land, denn sie holt das Thema an die Oberfläche.

Das Lebensende – Wunsch und Wirklichkeit

Wenn Menschen auf der Straße gefragt werden, was für einen Tod sie sterben möchten, erhalten Sie von ca. 75% die Antwort: Ich wünsche mir einen plötzlichen und schnellen Tod, ohne eine lange Leidens- und Krankengeschichte.

Die Wirklichkeit zeigt jedoch eine große Diskrepanz: nur 5% sterben einen plötzlichen Tod, 50-60% sterben aufgrund einer schweren Erkrankung und etwa 30-40% (die Zahl ist steigend) sterben einen langsamen Tod.

Bei Fragen nach dem Ort, wo Menschen sterben möchten, ist es ähnlich. 90% möchten zuhause sterben, doch nur ein ¼ der Bevölkerung kann derzeit zuhause sterben. 42% versterben im Krankenhaus, 25% im Pflegeheim, 1-2% im Hospiz, 1-2% auf der Palliativstation.

Auf die Frage, wie wir uns das Sterben wünschen, sind die häufigsten Antworten: wenn möglich, schmerzfrei, begleitet von Liebe, Zuwendung und Geborgenheit, eingebettet in ein soziales System mit der eigenen unverwechselbaren Identität und Würde bis zum Tod, akzeptiert und respektiert.“

Diese Wünsche umzusetzen, wird heute schwieriger, denn es gibt kaum intakte Familienstrukturen (Ehen werden selten geschlossen, Scheidungen nehmen zu, Partnerschaften auf Zeit). Viele Menschen leben in Singlehaushalten, junge Familien ziehen der Arbeit nach.

In der Folge erleben wir die soziale Vereinsamung vieler Hochbetagter, vor allem, wenn sie krank und sterbend sind.

Somit sind wir bereits im Leben und besonders im Sterben abhängig von der liebevollen Hand eines anderen Menschen. Das, was wir uns selbst wünschen, sollten wir auch tun!

Jesus spricht: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Aus welcher Hoffnung lebe und sterbe ich?

Viele Menschen leben ohne eine große Hoffnung und sehen den Tod, das Ende ihres Lebens, als das Schicksal der Menschheit. Wir Christen leben aus dem Glauben und mit der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod bei Gott. Wer diese Hoffnung in sein Leben einfließen lässt, klammert den Tod nicht aus und erlebt häufig im Sterben einen Perspektivwechsel.

Wer sich auf die Begleitung eines sterbenden Menschen einlässt, kann eine ungeahnte Erfahrung machen und sein eigenes Leben wird reicher.

Großer Gott, zeige mir, dass mein Leben begrenzt ist und ich gehen muss, wenn du mich rufst. (Ps 39,5)

Was brauche ich, um Sterbende gut zu begleiten?

Eine Sterbebegleitung können sich nur wenige Menschen vorstellen und so entsteht häufig die Meinung – so etwas könnte ich nicht. Auf die Frage „wie ist denn Ihre Oma gestorben?“ kommt dann die Antwort, „da waren wir mit der ganzen Familie dabei.“ Viele Menschen haben schon einmal, oft unbewusst, einen Sterbenden begleitet und wenn man sie danach fragt, erzählen sie es und sind überrascht, welche Gefühle es in ihnen wach ruft.

Es ist gut möglich, sich auf eine Sterbebegleitung einzulassen und es bedarf in erster Linie der Offenheit und des Mutes, auf sterbende Menschen und ihre Angehörigen zuzugehen und sich ganz bewusst mit dem eigenen Sterben auseinander zu setzen. Keine Sterbebegleitung gleicht der anderen, denn so unterschiedlich wir Menschen sind, so unterschiedlich verläuft auch die Begleitung.

Hospizdienste bieten qualifizierte Kurse zur Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen an und es ist hilfreich, wenn man sich mit einem guten Wissen und in einer starken Gruppe getragen weiß.

Für jedes Ereignis unter dem Himmelszelt hat Gott eine Zeit vorgesehen. So hat Geborenwerden seine Stunde, und auch das Sterben, und das Weinen und das Lachen. (Kohelet / Prediger 3,1ff.)

Kann ich Leid(en) (er)tragen?

„Durch eine gute Palliativmedizin und Hospizarbeit ist es heute möglich, relativ schmerzfrei und ohne großes Leiden zu sterben.“ Diese Aussage ist nicht falsch und doch dürfen wir nicht verkennen, dass Leid nicht nur etwas mit Schmerzen zu tun hat und dass die Palliativmedizin noch nicht an allen Orten und in allen Köpfen zu hause ist.

Schon die Nachricht von einer unheilbaren Krankheit oder der drohende Verlust eines geliebten Menschen, bedeuten Leid und Schmerz, welche oft nicht medizinisch geheilt oder gelindert werden können. Wir müssen sie durchleben.

„Palliativ“ ist auch die Zusage – ich bin und bleibe an deiner Seite. Sterbebegleiter haben erlebt, dass ein Mann, der gegen seine starken Schmerzen viele Medikamente einnehmen musste, zu seinem Hospizbegleiter gesagt hat: „Immer wenn du da bist, habe ich keine SchmerzenL“

Die Nähe zu einem Menschen, geschenkte Zeit, ein liebevoller Blick, eine hilfreiche Hand und ein gutes Wort können neben einer guten palliativen Begleitung, Leid erträglich machen.

Gott flüstert in unseren Freuden, er spricht in unserem Gewissen, in unseren Schmerzen aber ruft er laut. Sie sind sein Megafon, eine taube Welt aufzuwecken. (C.S. Lewis)

Die Kraft des Gebetes und einer Glaubensgemeinschaft

Wie groß ist unser Glaube - und - vertrauen wir darauf? Es ist uns oft nicht bewusst, welche Kraft von einem Gebet ausgeht und welche Wirkung es hat. Erst recht, wenn es von einer Glaubens- oder Gebetsgemeinschaft getragen wird.

In einer Gemeinde ist ein Mann schwer erkrankt. Der Pfarrgemeinderat hat am Ende seiner Sitzung überlegt, wie man konkrete Hilfe anbieten kann. Man gründete eine Gebetsgemeinschaft, die jeden Abend zu einer vereinbarten Zeit für diesen Mann gebetet hat. Er wurde gesund!

Das Gebet ist ein Schatz, den wir ohne große Last bei uns tragen können. In mancher ausweglosen Situation ist es der einzige Halt, der noch bleibt. Vertrauen wir darauf!

Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt 18,20)

III.  Angebote

Was können wir tun?

Wenn Menschen mit einer Diagnose konfrontiert werden, die baldiges Sterben, Sterbebegleitung oder Pflege erfordern, sind sie oft überwältigt und überfordert. Wir können ein Hilfsangebot unterbreiten, jeder, was er kann. Sich Zeit nehmen, um zuzuhören, dabei Weinen und Gefühle zeigen und zulassen. Wenn man es kann, selbst Hilfe anbieten. Oft ist es hilfreich, wenn man selbst die Erfahrungen gemacht hat, mit Rat zur Seite zu stehen.

Was sollten wir nicht tun?

Manche Menschen verschließen sich erst einmal. Wir sollten uns nicht aufdrängen und die Menschen einengen. Das Angebot für ein offenes Ohr nicht ständig wiederholen, und sei es noch so gut gemeint.

Einladung zum Gespräch in den Gemeinden

Beim Thema Sterbehilfe gibt es viele unterschiedliche Meinungen, weil die Menschen unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Für andere Menschen war Sterben, Tod und Sterbebegleitung bisher kein Thema.

In den Gemeinden kann man Abende dazu veranstalten entweder mit professionellen Helfern wie die Malteser bzw. Hospizmitarbeiter oder man kann auch Menschen einladen, die gerade einen Lieben nach einer schweren Krankheit verloren haben. Ganz sicher werden viele Fragen gestellt, auf die man nicht unbedingt eine Antwort haben muss. Aber man kann über praktische Erfahrungen sprechen. Damit wird Gleichgesinnten Raum zum Erzählen gegeben. Interessierte können in das Thema einsteigen und sich selbst fragen, wie sie sich verhalten würden.

Gebet um eine gute Sterbestunde

Wer denkt schon im Alltag, im Berufsleben an das Sterben?!

In Ave Maria beten wir . . . jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Im Gottesdienst kann besonders für einen Sterbenden gebetet werden, wenn es von den Angehörigen gewünscht wird.

Die Verkündigung eines Verstorbenen erfolgt meistens bei den Vermeldungen. Vielleicht können wir dies an den Anfang des Gottesdienstes stellen, um besonders für denjenigen zu beten.

Für Sterbende kann man sich entweder in der Kirche oder einem anderen Ort zum Beten verabreden. Dies wurde in unseren Gemeinden schon manchmal bei Unfallopfern praktiziert. Gemeindemitglieder haben sich getroffen, gebetet und gesungen, das hat den Verwandten und der Gemeinde geholfen.